„Mir ging durch den Kopf, wie das alles gleichzeitig falsch und schrecklich und schön war.“ (S. 279)

Wie oft kann einem ein Buch das Herz brechen? In „Sag den Wölfen, ich bin zuhause“ begleiten wir die junge June auf dem Weg, den Verlust ihres Onkels zu verarbeiten. Aus völlig unerwarteter Richtung wird ihr dabei Hilfe zuteil, die sie mit einigen bitteren Wahrheiten konfrontiert – und mit der Erkenntnis, dass auch in schlimmen Ereignissen etwas Gutes stecken kann, dass man manchmal etwas verlieren muss, um etwas anderes zu gewinnen.

Zwischen den Seiten dieses Buchs steckt so viel, dass ich das Gefühl habe, dem Text mit meiner Rezension niemals gerecht werden zu können – vor allem nicht ohne zu viel zu verraten.
Die Zartheit der Worte ließ mich immer wieder schlucken und hin und wieder musste ich kurz durchatmen und mir bewusstmachen, dass es ein Buch ist, nur ein Buch und nicht das echte Leben, nicht mein Leben.
Als ich ein Drittel des Romans gelesen hatte, war ich mir immer noch nicht sicher, ob ich ihn am Ende lieben oder hassen würde. Worte wie

„Alles, was sie sagte, blieb vage, als würden die Einzelheiten sie niederstechen, wenn sie zu scharf gezeichnet waren.“ (S. 37)

waren so wundervoll, konnten die Stimmung so gut transportieren, doch die unfassbare Grausamkeit des Lebens, die sich hier wieder und wieder manifestierte, machte mich fertig.

Ganz besonders lag das an den Figuren.

„Danni sagte immer, Finn hätte jemand Besseren verdient.“ (S. 211)

Diesem Urteil konnte ich mich durchaus anschließen, allerdings in etwas anderer Ausprägung als Finns Schwester Danni sich das dachte: Finn hätte eine bessere Schwester verdient. Und das war es, was mir beinahe körperliches Unbehagen bereitete: Ich konnte einige Figuren, besonders eben Danni, einfach nicht verstehen. Vielleicht ist das zu kurz gedacht, vielleicht komme ich irgendwann selbst in Situationen, in denen ich es nachvollziehen kann, oder ich bin selbst auch so und merke es nur nicht – aber wenn man jemanden liebt, dann will man denjenigen glücklich sehen. Daran glaube ich sehr fest.

„Ich klammerte mich an die Vorstellung, dass alles, was sie getan hatte, aus Liebe geschehen war. Denn das konnte ich nachvollziehen. Ich konnte es verzeihen. Es ermöglichte mir daran zu glauben, dass ich vielleicht eines Tages fähig sein würde, auch mir selbst zu verzeihen.“ (S. 373)

Am Ende kam ich zu dem Urteil, dass ich das Buch liebe. Es hat mich dazu gebracht, Rotz und Wasser zu heulen, und ich bleibe dabei, dass ich das Verhalten mancher Figuren nicht kapiere und auch gar nicht kapieren will. Doch die Aussage, dass auch aus Schlechtem Gutes entstehen kann, dass manchmal schlimme Dinge passieren müssen, damit gute geschehen können, die ist stark. Und so bleibt am Ende eigentlich nur eines zu sagen:

„Nichts davon ist gerecht. Rein gar nichts.“ (S. 221)

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