Von allem, was man im Leben so mitbekommt, habe ich persönlich ja Bücher und Musik immer als besonders prägende Einflüsse empfunden. Und während die frühkindliche musikalische Seite bei mir schnell abgehandelt ist (Rolf Zuckowski, PUR und Rolf Zuckowski), gestaltet sich die literarische Seite etwas ausführlicher. Besondere Diskrepanzen finden sich hier zwischen der Buchreihe, die ich rational betrachtet gern geliebt hätte, aber als Kind nicht mochte, und der Buchreihe, die ich rational betrachtet gern weniger mögen würde, die ich aber trotzdem noch immer liebe: Die Dolly-Reihe von Enid Blyton.

Dolly ist ein bisschen wie der etwas peinliche, unlustige neue Freund mit der großen Klappe, den ich meiner besten Freundin vorstelle und dann noch im Gespräch feststelle, was für ein Idiot der Kerl ist. Im besten Fall höre ich trotzdem nicht auf, ihn zu lieben, habe aber zumindest das Gefühl, ich sollte genau das tun – so geht es mir mit Dolly. Ein klischeeüberladenes, teils wenig ausgereiftes Machwerk mit Einstellungen zu Erziehung, Bestrafungen und Frauenbild, bei denen sich meine Fußnägel aufrollen; ein Buch, das Dinge postuliert wie „ein paar Klapse als Kind hätten ihr ganz gut getan“ und „wenn sie nicht tut, was wir wollen, dann schneiden wir sie eine Woche“ und „endlich hört sie auf zu tun, was sie will, und passt sich an den Rest der Klasse an“ (möglicherweise etwas überspitzt dargestellt, aber erschreckend nah am Wortlaut der Bücher!).

Was hätte aus mir für eine Frau werden können, wenn ich die andere Internatsbuchreihe inhaliert hätte, die ich rational und im Nachhinein betrachtet gern geliebt hätte – Harry Potter? Eine fantasievolle, spannende Geschichte, in der es um starke Frauen und Männer geht, die die Dinge in die Hand nehmen und die Welt retten! Hermine, die als Badass durch die Welt läuft und Harry mehr als nur einmal den Arsch rettet; Lilly Potter, deren emotionale Stärke und Liebe ein tragender Faktor durch alle Bücher ist; so viele, die sich anders verhalten als es von ihnen erwartet wird; Schüler, die ihre Stimme erheben gegen unterschwellige, alltägliche Sprüche gegenüber anderen, deren Eltern nicht (beide) Zauberer sind; Neville, dessen Wandel mich immer wieder staunen lässt; Ginny, die vielleicht am ehesten auf einer gesellschaftlichen Ebene so mutig, freundlich und offen ist, wie ich es immer gern sein wollte; ich könnte ewig so weiter machen.

Inzwischen liebe ich Harry vielleicht ebenso sehr wie Dolly, wenn auch leider nicht auf eine so nostalgisch-emotionale Weise, nicht mit diesem wundervollen Gefühl der Erinnerung, wie man sich damals in die Bettdecke gekuschelt und heimlich noch gelesen hat, nicht mit dem Gedanken an das Kribbeln im Bauch, bevor der nächste Teil endlich zu kaufen war. Und was bedeutet das nun für mich?

Wenn ich einmal Kinder habe, werden sie die wunderschön illustrierten Harry-Potter-Bücher haben, sie vorgelesen bekommen und selbst lesen und sie werden sie lieben. Ob sie wollen oder nicht!

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