„Wie kann jemand sein Leben damit verbringen, auf das Danachkommende zu warten?“ (S. 347)

Zusammenfassung. Graf Alexander wird in jungen Jahren zu lebenslangem Hausarrest im Hotel Metropol verurteilt. Von da an breitet sich sein Leben in den weitläufigen Fluren des Hotels aus, wo er Freundschaften, Bekanntschaften und Liebschaften schließt und schließlich tatsächlich noch die Liebe seines Lebens findet.

Cover. Das Bild auf dem Cover gefiel mir sowohl vom Stil als auch vom Motiv her richtig gut. Es passt zum Inhalt so gut und ebenso zur Stimmung des Romans, dass ich wirklich überzeugt war und bin.

Inhalt. Hach, ich bin begeistert. Auch wenn man zwischendurch kritisieren könnte, dass es etwas lang ist, gelingt es Towles mit diesem Roman so ungeheuer gut, russische Geschichte mit einem Einzelschicksal zu verknüpfen, dass ich aus dem Staunen kaum herauskam. Über weite Teile ist es wirklich interessant und lehrreich, zum Ende hin wird es (für mich unerwartet) auch noch richtig spannend und bietet auf jeden Fall eine Menge Potential zum Mitfiebern.
Meine Sorge, dass es langweilig werden könnte, weil die Handlung sich hauptsächlich auf die Flure des Hotels beschränkt, wurde jedenfalls nicht erfüllt.
Und der Schreibstil erst! Die Kombination aus Humor und Ernsthaftigkeit, aus Fokussierung auf eine einzelne Person und dem Blick aufs Ganze, all das hat mich schon während des Lesens wirklich begeistert.

Personen. Jeder der Figuren hat Persönlichkeit und Charakter, am meisten sticht dabei natürlich der Graf höchstselbst heraus, der wahnsinnig liebenswert ist und mich ein wenig ins Schwärmen verleitete – auf jeden Fall ein wahrer Gentleman.
Doch auch die anderen Charaktere konnten mich in ihrem Charme oder auch ihrer Boshaftigkeit überzeugen und begeistern.

Lieblingsstellen. „In ihrer gesammelten Phantasie ist den russischen Meistern offenbar nichts Besseres eingefallen, als dass die Hauptgestalten ihren Konflikt mit Pistolen und einem Abstand von zweiunddreißig Schritten aushandeln.“ (S. 56)
„Aber das Schicksal hätte nicht den Ruf, den es hat, wenn es nur das täte, was naheliegend scheint.“ (S. 91)
„Wenn Geduld nicht so oft auf die Probe gestellt würde, wäre sie wohl kaum eine Tugend.“ (S. 151)
„Es ist eine Aufgabe der Geschichtsschreibung, von einem bequemen Lehnstuhl aus bedeutsame Momente zu identifizieren.“ (S. 180)
„Aber als der Graf Sofias Spiel hörte, verließ er die Wissenden und betrat das Reich des Staunens.“ (S. 324)
„In der Bar galt außerdem ab sofort, dass jeder, der alle vier Cocktails hintereinander trinken konnte, das Recht hatte, sich „Patriarch von Gesamtrussland“ zu nennen – sobald er wieder bei Bewusstsein war.“ (S. 330)
„Die Zeit zwischen dem Aufgeben der Bestellung und dem Eintreffen der Vorspeise ist eine der schwierigsten in zwischenmenschlichen Beziehungen.“ (S. 336)

Fazit. Indem die letzten 100 Seiten diesem Buch noch das Krönchen aufgesetzt haben, das Fitzelchen, das mir bei einigen anderen Büchern in letzter Zeit fehlte, bin ich absolut und vollends begeistert. Die Charaktere sind toll, die Handlung ist überraschend spannend und die geschichtlichen Hintergründe, die mit so viel Leichtigkeit in das Leben des Grafen eingewoben wurden, sind wirklich interessant.
Auf jeden Fall ein gutes Buch für alle, die einen Funken Interesse für russische Geschichte besitzen.

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