„Wenn man die Augen schließt, weil gerade eine große Sorge abgefallen ist, man jemanden oder etwas wieder gefunden hat, einen Brief, eine Zuversicht, einen Ohrring, einen entlaufenen Hund, die Sprache oder ein Kind, das sich zu gut versteckt hatte.“ (S. 9)

Zusammenfassung. In Selmas Traum ist ein Okapi aufgetaucht und das macht ihr ganzes Dorf verrückt, denn immer, wenn das passiert, stirbt einer von ihnen. Und so ändert sich in diesem Zuge tatsächlich auch längerfristig eine ganze Menge in der Dorfdynamik.

Erster Satz. Wenn man etwas gut Beleuchtetes lange anschaut und dann die Augen schließt, sieht man dasselbe vor dem inneren Auge noch mal, als unbewegtes Nachbild, in dem das, was eigentlich hell war, dunkel ist, und das, was eigentlich dunkel war, hell erscheint.

Cover. Für mich symbolisiert dieses Cover ganz hübsch, dass man ein Buch nicht nach seinem Cover bewerten sollte. Im Buchladen hätte mich dieses spezielle Cover nämlich leider gar nicht angesprochen, und das wär wahnsinnig schade gewesen – mehr dazu später.
Da ich plane, das Buch eines Tages zu verschenken, fänd ich es toll, wenn es auch noch eine hübschere Gestaltung gäbe, denn das Buch hat so viel mehr verdient!

Inhalt. Wo fange ich nur an? Sprachlich haben mich schon die ersten zehn Seiten überzeugt. Es gelingt der Autorin so unheimlich gut, so viele Gefühle in vergleichsweise wenige, aber dafür beeindruckend sorgfältig gewählte Worte zu verpacken, dass mir zwischendurch der Atem stockte.
In dieser Hinsicht ist es meiner Meinung nach einfach, herauszufinden, ob das Buch sprachlich den eigenen Geschmack trifft: Das, was man auf den ersten paar Seiten bekommt, das zieht sich durchs ganze Buch. Wenn man mit dem unterhaltsamen, gut lesbaren Stil nichts anfangen kann, dann sollte man wohl besser die Finger davon lassen, da kann man nur enttäuscht werden.
Weiterer Pluspunkt für mich: Ich hatte nicht das Gefühl, zum siebenhundertsten Mal die selbe Geschichte zu lesen, sondern empfand die Handlung als wohltuend anders.

Personen. Besonders wichtig ist hier natürlich die Ich-Erzählerin Luise, die ich endlich mal wieder super fand. Nach einer ganzen Reihe wenig überzeugender Protagonistinnen war ich endlich einmal wieder so richtig verliebt. Aber auch die anderen Charaktere sind wundervoll: Selma und der Optiker, Martin und der Mönch, irgendwie auch Luises Eltern und selbst Palm, auch wenn es bei den einen leichter zu sehen ist als bei den anderen.

Lieblingsstellen. „Das Okapi ist ein abwegiges Tier“ (S. 11)
„Wir fürchteten, dass uns im Wald etwas noch Gefährlicheres als Palm begegnen würde, ein Höllenhund vielleicht, dem es egal war, dass es ihn nicht gab.“ (S. 36)
„Es sind nicht mehr alle da. Aber die Welt gibt es noch. Die ganze Welt minus eins.“ (S. 90)
„es war ein Abenteuer, dich kennenzulernen.“ (S. 100)
„Ich tue übrigens die ganze Zeit nichts anderes, als dich nicht zu küssen“ (S. 148)
„Danke, dass du mir am Ende so viele Anfänge bringst“ (S. 194)
„Wahrscheinlich gehören wir wirklich nicht zusammen. Das ist nicht schlimm. An einem Okapi gehört ja auch nichts zusammen“ (S. 218)

Fazit. Ich bin begeistert. Die Sprache ist fantastisch und ich hätte noch so viel mehr Lieblingsstellen angeben können; die Handlung hat mich emotional echt berührt, drückt aber nicht übertrieben auf irgendeine Tränendrüse; und viele Dinge sind so absurd komisch, so witzig, so platt, dass ich beim Lesen echt Spaß hatte. Sehr, sehr großartig.

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