„Sie hatte so lange Angst gehabt, dass sie ganz vergessen hatte, wie es war, keine Angst zu haben[…].“ (S. 262/263)

Zusammenfassung. Ein schrecklicher Verlust zwingt Lydias Familie, sich schmerzhaften Einsichten zu stellen: Verloren gegangenen Wünschen und Träumen, fehlgeleiteter Kommunikation und der Unfähigkeit, über das zu reden, was wichtig ist.
Ein vielschichtiger Prozess ist notwendig, um Kaputtes zu reparieren und jeden mit dem zu versöhnen, was ohnehin nicht mehr zu retten ist.

Erster Satz. Lydia ist tot.

Meine Meinung. Lydias Tod reißt Wunden auf, von denen niemand geahnt hatte, dass sie da wären: Marilyn und James, die Eltern, die sich versprochen haben, niemals über die Vergangenheit zu reden; James und Lydias Bruder Nathan, die sich so ähnlich sind und doch nicht zusammenfinden; die jüngste Schwester Hannah, die halt irgendwie da ist (aber irgendwie auch nicht); und natürlich immer wieder Lydia, deren Einsamkeit im Kontrast steht zu ihrer Mittelpunktstellung innerhalb der Familie.
Es geling der Autorin immer wieder, den Finger genau auf die Stellen zu legen, an denen kleine Situationen so dramatisch schieflaufen, dass man die Protagonisten nehmen und schütteln möchte – weil man selbst merkt, dass Versagen so einfach sein kann und Glück ein so fragiles Gut.
Dabei hat mir besonders gut die allwissende Erzählperspektive gefallen, die je nach Situation beruhigend oder beunruhigend zu sein vermag und die so sehr im Kontrast steht zu der schmerzhaften Unwissenheit der Protagonisten selbst. Auch die Sprache hat mich für dieses Buch begeistert, Ng findet an so vielen Stellen so schöne Worte, ohne zu klingen, als versuche sie bewusst poetisch zu sein. Das hat mir sehr gut gefallen.
Als besonders gut (und in gleichem Maße erschreckend) empfand ich außerdem die Identifikationsmöglichkeiten mit jedem der beteiligten Charaktere. Wer kann sich schon freisprechen davon, nur das Beste für sein Kind zu wollen? Und ist es nicht tatsächlich viel einfacher, immer ja und amen zu sagen statt für seine eigenen Träume aufzustehen? Am besten hat mir da dann doch die kleine, sanfte Hannah gefallen, die noch unverdorben von eigenen Erwartungen und den Erwartungen anderer offen in ihr Leben blickt.

Lieblingsstellen. „Dann strahlte ihr unbeschwertes Lachen in seinem weißen, kahlen Zimmer; wenn sie atemlos plapperte, flatterten ihre Hände, bis er sie in die seinen nahm und sie warm und still da lagen, wie ruhende Vögel, und dann zog sie ihn wieder an sich.“ (S. 50)
„Als sie in der Dunkelheit weiterfuhr, weinte ihr Haar in kleinen Bächen über ihren Rücken.“ (S. 88)
„Sie schlang die Arme um die Beine und schickte mitfühlende, geduldige Gedanken, aber ihre Schwester hörte sie nicht.“ (S. 169)
„Er hatte nicht gebetet, sondern geträumt – was, wie ihr später klar wurde, fast auf dasselbe hinauslief.“ (S. 248)

Fazit. Ich glaube, dieses Buch kann aufwecken. Es zeigt so sensibel die Schwierigkeiten, aber auch die Schönheit in zwischenmenschlichen Beziehungen im Allgemeinen und familiären Banden im Besonderen, dass ich nicht anders konnte als darüber nachzudenken: Wessen Träume sind es, die ich träume? Wessen Leben lebe ich? Wir sollten alle etwas mehr wie Hannah sein!

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