„Man sagt uns, wir sollen Panik vermeiden. Es gibt keine Anweisung, die bei Menschen so todsicher Panik auslöst.“ (S. 71)

Zusammenfassung. Eine Frau mitten in den Wirren einer Naturkatastrophe, die in der Beziehung mit ihrem Neugeborenen versinkt und darüber das meiste andere, das um sie herum passiert, ausblendet – viel mehr lässt sich zum Inhalt dieser Novelle kaum sagen, ohne zu viel zu verraten.

Erster Satz. Ich stehe Stunden vor der Geburt, vor dem Ereignis, das ich im Leben nicht für möglich gehalten habe, und R ist auf einem Berg.

Inhalt. Klappentext und inhaltliche Zusammenfassungen ließen mich im Vorfeld befürchten, dass „Vom Ende an“ ein Endzeitthriller oder etwas in der Art ist; diese Einschätzung könnte kaum weiter an der Realität vorbei sein.
Ganz im Gegenteil: Die Ich-Erzählerin verdrängt vieles, das um sie her geschieht, sie ignoriert Nachrichten im TV und im Radio und will sich und ihre Familie eigentlich bloß einigeln gegen die Schrecknisse dort draußen – und so erfahren auch wir vieles gar nicht oder nur in Andeutungen. Möglicherweise stört das den ein oder anderen, für mich jedoch war gerade der Stil, der sich in Andeutungen erging und so ungefiltert, so direkt war, eine der besten Eigenschaften dieser Novelle.
Der namenlosen Erzählerin gelingt es mühelos, mich zu packen und viel mehr zu beunruhigen als eines der detailreich geschilderten Weltuntergangsszenarien: eine nahezu intim anmutende, subtile Form des Schreckens.

Personen. In der seltsamen Mischung aus Distanz und Nähe, die hier geschaffen wird, blieben mir die Figuren bis zum Ende ein wenig fremd. Das liegt sicherlich hauptsächlich an der Abstraktion, die die Erzählerin durch die ausschließliche Benutzung von (Anfangs?-)Buchstaben erzeugt: Der Namen ihres Sohnes kommt bloß einmal vor, für den Rest der Geschichte ist er einfach Z, und dasselbe gilt für alle anderen Figuren.
Zudem macht die Erzählweise eine halbwegs zuverlässige Charakterisierung nahezu unmöglich.
All das tut dem Lesevergnügen jedoch keinen Abbruch sondern unterstützt die poetisch anmutende Sprache, die mir an dieser Novelle ganz besonders gefallen hat.

Lieblingsstellen. „Manchmal schläft er so leise, dass er überhaupt nicht mehr da zu sein scheint.“ (S. 21)
„Die Nachrichten rauschen vorbei. Sie sind leicht zu ignorieren.“ (S. 22)
„G ist nirgends, und die Küche ist voll von ihr.“ (S. 26)
„Wir sind im Danach.“ (S. 122)
„Ich will aufhören, mir Sachen vorzustellen.“ (S. 154)

Fazit. „Vom Ende an“ ist so viel besser als ich erwartet und zu hoffen gewagt hatte. Es ist poetisch und intensiv, da muss ich mich dem Urteil auf der Buchrückseite („Megan Hunters Debüt ist von archaischer Wucht und poetischer Zartheit“) einfach uneingeschränkt anschließen.
Und auch wenn mir zur Perfektion am Ende noch ein Fünkchen von irgendetwas fehlte, kann ich die Novelle noch jedem empfehlen, der empfänglich ist für die Schönheit von Sprache und Menschlichkeit.

Advertisements