„Die Realität ist eine Frage der Wahrnehmung, nicht der Wahrheit.“ (S. 51)

Zusammenfassung. Marie lebt ein Leben, das sie liebt, mit der Frau, die sie liebt und eigentlich ist alles ganz wunderbar – bis sie einen Brief bekommt, der scheinbar von ihrer früheren besten Schulfreundin verfasst wurde, jedoch aus einer anderen Realität zu kommen scheint. Wessen Leben ist es, von dem sie Auszüge erfährt, die ihr so fremd und zugleich so seltsam vertraut vorkommen?

Erster Satz. Es war der 26. Mai, als ich den Brief bekam.

Inhalt. Als ich das Buch zum ersten Mal in den Händen hielt, war ich überrascht, weil es mir so schmal vorkam. Ein Blick auf die letzten Seiten bestätigte meinen Eindruck: 220 Seiten sind für einen Roman mit einer solch speziellen Idee nun wirklich nicht besonders viel. Und auch beim Lesen blieb mein kritisches Auge bestehen, denn während mir schon die Idee hinter der Geschichte richtig gut gefallen hat und mich auch ihre Fortführung im Prinzip überzeugen konnte, so blieb die ganze Sache trotzdem weniger spannend als erwartet und weniger intensiv als gehofft. Ich wurde das Gefühl bis zum Ende nicht los, dass die Autorin einen echt guten Einfall gehabt hat und dann wahnsinnig schnell dadurch rauschte, mit welchem Ziel auch immer.
Hinzu kam der Schreibstil, der besonders in den Briefen in meinem Ohr ein wenig hölzern klang (das besserte sich jedoch im weiteren Verlauf); und auch das Ende kam für mich zwar überraschend und dadurch irgendwie cool, ließ mich aber leider trotzdem auch irgendwie unzufrieden zurück. In meinem Kopf war das Buch noch nicht fertig, mir blieben zu viele Fragen offen.
Diese Kritikpunkte konnten durch die wirklich spannende Idee nur teilweise gerettet werden.

Personen. Wirkten neben Marie auch die allermeisten Figuren ganz nett, so fehlte ihnen doch für meinen Geschmack ein Fünkchen Charakter: Ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie alle bloß die Bühne boten für die Geschichte, die um Marie und ihr Leben erzählt wurde, und das ist irgendwie schade.
Marie selbst machte diesen Eindruck etwas weniger, allerdings wird auch sie mir wahrscheinlich nicht lange im Gedächtnis bleiben (jedenfalls nicht wegen ihres Charakters).

Lieblingsstellen. „Wie uninspirierend wäre das Leben, hätte es keine Geheimnisse mehr.“ (S. 88)

Fazit. Irgendwann vor kurzem habe ich von einem Krimi geschrieben, der in meinen Augen viel Potential verschenkt hat. Nach der Lektüre dieses Romans weiß ich: Ich hatte keine Ahnung, wovon ich redete.
„Der Brief“ liest sich viel zu schnell weg, was schade ist, weil die Idee mir so gut gefiel. Er lässt Möglichkeiten für spannende Situationen einfach so liegen und sorgt auf die Weise dafür, dass ein spannender Roman beinahe belanglos erscheint.
Allerdings ist mein hartes Urteil durch die hohen Erwartungen beeinflusst, die ich im Vorfeld hatte, und das kann man dem Buch ja nun auch nicht vorwerfen. Und so komme ich insgesamt zu dem Fazit, dass Carolin Hagebölling hier ein Roman mit einer coolen Idee gelungen ist, der noch sehr viel cooler gewesen wäre, wenn er seine Möglichkeiten voll ausgeschöpft hätte.

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