Neben einem Haufen anderer Dinge ist jeder Mensch irgendwie auch die Summe all der Dinge, von denen er mal geträumt hat: Was er hat erreichen wollen, was er beruflich machen wollte, wie er sich seine Familiensituation erträumt hat. Auch wenn sich solche Ideen wohl nie alle umsetzen lassen und es sicherlich immer eine ganze Menge Pläne gibt, die jeder Mensch vergisst/aufgibt/an denen er das Interesse verliert, sagen sie doch alle miteinander mindestens darüber ziemlich viel aus, wie wir mal gewesen sind und wie unsere Vorstellung vom Leben war.

Und all diese Gedanken entsprangen eigentlich nur einem einzigen: Ich wollte immer Pfarrfrau werden. Das ist vermutlich aus mindestens zwei Gründen ein ungewöhnlicher Berufswunsch, denn er (also der Wunsch) ist vermutlich relativ selten und zudem, wenn man ehrlich ist, nicht einmal ein echter Beruf (nicht dem Sinne, das man nichts zu tun hat, sondern in dem Sinne, dass diese Beschäftigung vom Beruf des Ehepartners abhängt). Und was macht eine Pfarrfrau eigentlich aus? Vielleicht habe ich dieses Pfarrfrau-Ding deshalb auch immer mehr als Nebenjob gesehen und wollte gern eines Tages Autorin, Lehrerin, Orchestermusikerin oder Mathematikerin sein – und nebenher eben auch Pfarrfrau. Schließlich hatte mir mein reales Vorbild vorgelebt, wie gut man beides kombinieren kann.

Die erste Ernüchterung folgte, als mir bewusst wurde, dass man sich gar nicht als Pfarrfrau bewerben kann, dass es keine Ausbildung dafür gibt, sondern dass man einen dazu passenden Mann finden muss. Es ist ja nicht so, als wäre ich blöd und hätte wirklich geglaubt, dass es irgendwie anders sein könnte, aber der Mann ist einfach in meinen jahrelangen Plänen nicht wirklich als Person vorgekommen. Aber hey, es gibt schlimmeres als einen schnieke Pfarrer zu suchen, den man heiraten kann. Und es war ja auch noch viel Zeit.

Die zweite Ernüchterung folgte, als mir bewusst wurde, dass ich angefangen hatte einen Kerl zu lieben, der von einem Pfarramt meilenweit entfernt war (nicht nur aufgrund seiner Konfession). Es brauchte ein paar Tage, aber dann stellte ich mich der unvermeidlichen Wahrheit: Pfarrfrau zu werden ist ein Traum, der sich in meinem Leben nicht mehr erfüllen wird. Immer wieder ziehe ich stattdessen nun in Erwägung, es einfach selbst in die Hand zu nehmen und Pfarrerin zu werden; aber eigentlich stecke ich ja mit beiden Füßen schon tief im Studium der Mathematik und will da eigentlich auch gar nicht wieder raus.

„Ich wollte immer Pfarrfrau werden“, ein Gedanke, der mir vor Augen führt, wie sehr und wie plötzlich sich Dinge ändern können – gleichzeitig einer, der mir zeigt: Nur weil man eine Vorstellung aufgeben muss, ist nicht alles schlecht. Eigentlich ist das Leben als ganzes nämlich ziemlich cool.

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