„Vorlesen darfst du mir erst, wenn ich mich nicht mehr dagegen wehren kann. Ich mochte Vorlesen noch nie, aber wahrscheinlich wird es mir bei dir sogar gefallen.“ (S.168)

Zusammenfassung. Fred ist seit Neuestem ehrenamtlicher Sterbebegleiter und will alles tun, um seinen ersten Einsatz nicht zu vermasseln. Karla hat Bauchspeicheldrüsenkrebs und gerät in ihren letzten Monaten an Fred. Diese Konstellation, so schwierig sie zu Beginn auch zu werden scheint, lässt nicht nur Karla und Fred ein gutes Stück wachsen.

Erster Satz. Nur zehn Minuten vor Karlas Hauseingang reichten aus, um Freds Zuversicht in Beklommenheit und dann in mühsam kontrollierte Panik zu verwandeln.

Cover. Es gibt schönere Cover und solche, die mich mehr ansprechen. Was mir jedoch gut gefällt, das ist der Titel, obwohl ich ihn zunächst nicht verstanden habe. Aber als mir dann klar war, wann dieses „und dann“ eintritt, da fand ich den Titel wirklich gelungen.

Inhalt. So schwer die Geschichte auch ist, die in diesem Roman erzählt wird, so leicht ließ sie sich doch lesen, nicht im Sinne von „leichter Lektüre“, sondern weil sich alles, was geschildert wird, so natürlich und richtig anfühlt, nie gestelzt oder hölzern (außer an den Stellen, an denen die Situation es erfordert). Vieles wird nie ausgesprochen, vieles findet nur am Rande Erwähnung und hätte dem Buch noch ein paar Seiten mehr bescheren können, und viele Stellen finde ich im Nachhinein ein wenig unbefriedigend.
Aber dann wieder ist es ganz genau das, was mir an dem Roman so gut gefallen hat: Seine Unvollkommenheit, dass sich im Leben eben nicht immer alles aufklärt und in Wohlgefallen auflöst, dass nicht immer alles einfach ist.

Personen. Kaum ein Roman hat es bisher auf die Weise geschafft, mir Figuren an die Hand zu geben, mit denen ich mich identifizieren kann, wie dieser. Das beginnt bei Fred, dessen Gedanken mir zu Beginn teils unangenehm waren, weil ich mich so gut in ihnen wiederfinden konnte; da ist Freds Sohn Phil, der eine solche Begeisterung für Wörter aufbringt, dass ich mich (in dieser Hinsicht) so verstanden wie nie zuvor gefühlt habe; und da ist Karla, für deren Zitat oben ich sie hätte knutschen können, weil ich mich so sehr darin wiederfinde. Allein das fand ich an „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“ ziemlich grandios.
Und auch in den Figuren ist dieses Buch so wunderbar unperfekt. Sie erklären sich nicht, jedenfalls nicht wirklich in zufriedenstellendem Ausmaß, und unter anderem dadurch entsteht diese Unvollkommenheit, die mir an diesem Roman sehr gut gefallen hat.

Zitate. „Sie hatten immer noch schlechten Sex, aber sie heirateten trotzdem, weil es niemanden gab, mit dem sie besseren Sex hätten haben können.“ (S. 91)
„Das Konzept der Seele, verstand er plötzlich, war nicht durch religiösen Idealismus entstanden, sondern nur das Ergebnis eines einfachen Subtraktionsprozesses.“ (S. 172)
„Wie unangenehm dieser plötzliche Druck war, den er in seinem Brustkorb spürte, es könnte Kotzen oder Weinen oder ein Herzinfarkt werden.“ (S. 250)

Fazit. Ein Roman, der mich sehr bewegt hat, den ich mit Vergnügen und häufig mit mindestens einer Träne im Auge gelesen habe. Ein Roman über das Wachsen an Aufgaben und Situationen, über Liebe und Freundschaft und über Familie. Ein Roman, den ich wirklich empfehlen kann.

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