Es gibt Bücher, die bringen mich zum Weinen, weil sie auf die Tränendrüse drücken und sich suhlen in ihrem Leid; die zelebrieren, wie schlimm das Leben sein kann (und das ist gar nicht abwertend gemeint, ich lese solche Bücher sehr gern). Es gibt Bücher, denen gelingt es nicht, mich anzurühren, weil ich mich einfach nicht mit den Protagonisten identifizieren kann (das ist abwertend gemeint, solche Bücher empfinde ich als unbefriedigend). Und es gibt Bücher wie dieses.
Bücher, die mir das Gefühl geben, im Leben nicht die richtigen Worte zu finden, die ihnen gerecht werden können. Bücher, die so subtil und so zart und so anrührend sind, dass immer wieder einzelne Tränen das Lesen begleiten: Tränen der Trauer und des Glücks, Tränen der Schönheit und des Schreckens. Genau so ein Buch ist „Mit jedem Jahr“ für mich.
Und doch (oder gerade deswegen?) fällt es mir unendlich schwer, den Inhalt dieser Geschichte zusammen zu fassen. Normalerweise lasse ich mich in solchen Fällen, wenns ganz schlimm kommt, vom Klappentext inspirieren; der Klappentext ist aber leider einer der zwei Kritikpunkte, die ich an diesem Buch habe. Ich finde, er wird dem Inhalt in keinster Weise gerecht.
Nachdem ich den Klappentext gelesen hatte, rechnete ich mit einer vorhersehbaren „Bad Boy hat es schwer, wird aber ein toller Vater“-Geschichte und las eigentlich nur aus Langeweile rein. Die ersten Seiten haben mich dann aber gepackt und ich glaube, wer an den ersten Seiten Spaß hat, der mag auch das ganze Buch. Deswegen: Ignoriert den Klappentext und lest stattdessen die Leseprobe (die gibt es zum Beispiel auf der Seite vom Suhrkamp-Verlag).
Ich möchte aber wenigstens versuchen, etwas zum Inhalt zu sagen. Es geht um die Beziehung zwischen Vater und Tochter (nicht umsonst heißt das Buch im Original „Father’s Day“), es geht um Liebe und um das, was uns ausmacht. Es geht um die Frage, was eine Familie zur Familie macht und wie ein guter Vater, ein gutes Elternteil sein muss. Es geht um Fehler und darum, Fehler gut zu machen, und darum, was am Ende wirklich, wirklich wichtig ist. Es geht um Trauer und um Freude, um Schönheit und um Schlimmes. Und all das wird präsentiert in einer Sprache, die in ihrer Poesie so unendlich leicht ist und durch die die Seiten nur so dahinfliegen.

Zitate. „Aber irgendwann erkannte Jason, dass es auch lauter kleine Dinge waren – der Pizzaabend, Schlagzeug spielen, Zeichentrickfilme angucken –, die das Leben lebenswert machten.“ (S. 145)
„„[…]Was für eine Niete könnte so jemanden denn wohl lieben?“ Harvey stand so abrupt auf,dass ihr Stuhl umkippte. Dann lief sie hinaus, und Jason hörte sie auf der Terrasse weinen. Als er begriff, warum sie so außer sich war, durchrollte ihn eine warme Welle.“ (S. 163)
„Das ist die Wahrheit, Harvey, nicht das, was auf einem Stück Papier steht oder im Blut, was sowieso keiner sehen kann – sondern die Erinnerung, wie es sich angefühlt hat, zusammen zu sein.“ (S. 305)

Mit den gewählten Zitaten habe ich versucht, den Geist (so wie ich ihn empfunden habe) einzufangen und Simon Van Booys Worte zu nutzen, weil meine sich so unzureichend anfühlen. Ich habe mich in die Sprache verliebt und in die Subtilität, mit der Van Booy sentimental ist.
Ein wenig unzufrieden war ich mit der Wendung ganz am Ende, weil sie mir ein wenig unglaubwürdig erschien; aber dafür, dass ich inhaltlich mit ihr nicht ganz glücklich war, hat mir die Umsetzung wirklich gut gefallen.

Um abschließend zu einem Fazit zu kommen: Lest dieses Buch, wenn euch die Leseprobe gefällt, denn dann ist es fantastisch. Lest dieses Buch nicht wegen des Klappentextes, lest am besten nicht einmal den Klappentext, denn ich finde, er verrät zu viel (und schürt falsche Erwartungen und schreckt Leser ab, denen das Buch wirklich gut gefallen könnte).
In meinem Regal wird sich dieser Roman ohne weitere Zwischenstationen zu den Lieblingsbüchern gesellen.

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